Wer sich an einem Sonntag in Österreich zwei Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückversetzen und mal wieder zu einer Zeitung aus Papier greifen will, dem muss bewusst sein, dass an diesem Tag nur eine einzige Tageszeitung leicht an einem Zeitungsstand erhältlich ist, und zwar die meistgelesene Zeitung Österreichs: die Krone. Der eine oder andere Jungspund in unseren Reihen wird mit einer Zeitung aus Papier (ja, die gibt's tatsächlich noch) eher wenig anfangen können, die Gegner unserer YV vom vergangenen Sonntag wohl deutlich mehr, zumindest wenn man nach dem Alter geht. Schließlich liegt das Durchschnittsalter der Internationals bekanntlich bei geschätzten 40 Jahren.
Und was stand nun vergangenen Sonntag in besagter Zeitung? Werfen wir einen genaueren Blick auf die Schlagzeilen: „Bald mehr Transparenz beim Sonntagsschnitzel“, „Sebastian Kurz erzählt vom Tauchgang in Thailand“, „Tiroler kostet Kokosnuss“ und „Wiener Weinwanderer pflückt drei Trauben und zahlt 1.000 €“. Man könnte meinen, alles wie immer, würde man nicht Seite 32 genauer lesen, auf der die Krone wie üblich über das österreichische Fußball-Unterhaus berichtet. Diesmal sogar über das Unter-Unterhaus, die DSG-Reserve: USK Vienna Vibes gegen Vienna Internationals. Diesen Artikel wollen wir noch einmal aufarbeiten, denn das Spiel ist schlussendlich genauso verlaufen, wie es die herausragenden Journalisten schon vor der Partie prognostiziert hatten.
Standards
Die Stärke der Internationals schlechthin, und wie könnte es bei einem nordländischen Team auch anders sein: Standards. Die Krone berichtet von drei Eckballvarianten. Variante 1: erste Stange. Variante 2: zweite Stange. Variante 3: „Haus“. Während die ersten beiden Varianten auch für den einfachsten Krone-Leser verständlich sind, muss man bei Variante 3, dem „Haus“, schon etwas genauer ins Detail gehen. Dabei versammeln sich alle Internationals an der langen Stange und fluten kurz vor der Ausführung des Eckballs den Torraum derart mit Spielern, dass sich Personen mit Klaustrophobie besser nicht in diesem Bereich aufhalten sollten. Zwar segelten diese Ecken vergangenen Sonntag ein ums andere Mal in unseren Strafraum, konnten aber jedes Mal entschärft werden. Anders die Freistöße: Diese werden, ganz wie von der Kronen Zeitung beschrieben, gerne schnell und präzise ausgeführt und führten gegen uns zu drei Treffern direkt nach ruhenden Bällen.
Ausnützen von Fehlern
Die zweite Stärke der Internationals ist das direkte Spiel in die Spitze nach Ballgewinnen im Mittelfeld. Nach Abspielfehlern oder Ballverlusten des Gegners im Zentrum wird ohne Zögern sofort in die Tiefe gespielt, um den freien Raum und die Unordnung in der letzten Kette auszunützen. Genau so entstanden vergangenen Sonntag drei weitere Gegentore. Damit sind wir auch schon beim Endstand: 0:6 (0:5). Besonders bitter: Auch das stand bereits schwarz auf weiß auf Seite 32. Laut Krone benötigen die Internationals vom Ballgewinn bis zum Abschluss im Schnitt keine drei Pässe, eine Statistik, die wir vergangenen Sonntag eindrucksvoll bestätigen konnten. So ist es halt wer die Bälle gegen die Internationals in dieser Zone verliert, der zahlt, ganz wie der Wiener Weinwanderer, einen unverhältnismäßig hohen Preis.
Spielerische Abgebrühtheit
Nachdem die Internationals bereits zur Halbzeit mit fünf Toren Vorsprung führten, kam ihre wohl herausragendste Tugend zum Tragen, die in der Reserve ihresgleichen sucht: nichts mehr anbrennen zu lassen und den Stiefel zu Ende spielen. Einerseits überließen sie uns das Spiel, andererseits verteidigten sie konsequent. Auch hierzu liefert die Kronen Zeitung eine Statistik: Liegen die Internationals in Führung, geben sie nur in fünf Prozent der Fälle noch Punkte ab. Das ist übrigens genau die Wahrscheinlichkeit, mit der Sebastian Kurz bei seinem Tauchgang in Thailand einen Hai zu Gesicht bekommen hat.
Im Gegensatz zur ersten Halbzeit, in der die Kronen Zeitung jeden einzelnen unserer Pässe geleakt hatte, funktionierte das Spiel unserer YV im zweiten Durchgang deutlich besser, und Abschlüsse auf unserer Seite waren keine Seltenheit. Haben die Internationals den Artikel etwa nicht zu Ende gelesen? Nun ja, die wichtigsten Passagen offenbar schon, denn der uns zugesprochene Elfmeter wurde vom gegnerischen Goalie entschärft. Damit war unsere größte Chance auf den Ehrentreffer dahin.
Und genau das ist das mit Abstand Bitterste am vergangenen Sonntag: Obwohl, soweit lehne ich mich einmal aus dem Fenster, niemand von unseren YV am Sonntag die Kronen Zeitung aufgeschlagen hat, wissen wir ganz genau, wo die Stärken der Internationals liegen. Verhindern, dass sie diese so ausnützen wie vergangenen Sonntag, konnten wir aber nicht. Dazu fehlen uns aktuell noch einige Schritte …
MK
Disclaimer: Manch ein Zeitungsartikel und eine Statistik mag frei erfunden sein.