Wir werden hier ja selten persönlich. Im Sinne von untergriffig gegenüber Gegnern und noch seltener in der Form, dass der Autor aus dem privaten Nähkästchen plaudert. Wir sind ja eine Fußballmannschaft und keine Selbsthilfegruppe. Aber lassen wir Gepflogenheiten und Kinderstube doch mal für einen Augenblick beiseite und malen uns gemeinsam ein richtig beschissenes Wochenende aus. Denn, wenn man seit so langer Zeit mit Herzblut dabei ist, dann kann es schon vorkommen, dass selbst scheinbar nebensächliche Ereignisse, wie so ein verkackter Fußballspieltag, unerwünscht tief ins private Seelenleben vordringen.

Nein! Bitte kein Mitleid! Selbstverständlich dienen auch diese Zeilen nur der Berichterstattung. Aber unser Teampsychiater sagt, dass es hie und da ganz gut ist, einfach nur mal heftig abzukotzen. Gedankenhygiene, nennt er das. Also wird jetzt mal gekotzt. Buchstäblich.

Hassende Väter, weinerliche Söhne und Trockenwürschtl

Es war ein ganz normaler Samstag für M. Fast ganz normal. Kind eins hatte in der Nacht ca. 35 mal gespieben, davon glücklicherweise 32 mal in die bereitgestellte Plastikschüssel. Als Auslöser dieser Orgie wurde ein den Angaben des Sohnes entsprechend „komisch schmeckendes“ Trockenwürschtl identifiziert. Eine weitgehend schlaflose Nacht war jedenfalls nicht zu verhindern. Tja, gehört halt auch zum Elternglück. „Werd ich halt mit drei Stunden Schlaf die Performance meines Lebens zwischen den Pfosten abliefern“, dachte sich M., der an diesem Samstag die Ehre hatte, im anstehenden Reservespiel unseren in Argentinien verweilenden Young Vibes-Panther Lucas zu vertreten. Gegen Celtic Salmannsdorf.

Celtic Salmannsdorf – völlig degenerierte charakterliche Geisterfahrer, die sich zwar fühlen und geben wie die ärgsten Macker, in Wahrheit aber weinerliche, wohlstandsverwahrloste Milchbubis sind, denen die Mama zu selten das Handy weggenommen hat (vermutlich, um beim kleinen Leonhard-Justus keine tränenreichen Schreiattacken zu provozieren) und stattdessen zu oft gesagt hat, dass sie sie so viel mehr liebt als ihre Väter. Besagte Väter nehmen den Söhnen das vermutlich übel und zwingen sie jetzt, in ihrem Verein zu spielen, den sie einst gegründet haben, um maximal erfolglos irgendwo zwischen DSG 2. und 1. Klasse herumzutümpeln. Den Traum, einmal irgendwann einen geraden Pass zusammenzubringen, leben Carl-Wolfgang S. und Co. nun durch ihre Söhne fort. Söhne, die sie aber offensichtlich so sehr hassen, dass sie sie nicht von der Seitenlinie anfeuern, sondern stattdessen mit COPD-verdächtiger Stimmgewalt nahezu ausschließlich den jeweiligen Gegner verhöhnen. Die Leidtragenden sind dann die Teams, die in der Spielmanngasse antanzen müssen, eigentlich nur Fußball spielen wollen und sich dann grundlos 90 Minuten lang beschimpfen, auslachen und umschnalzen lassen dürfen. So geschehen kurz vor der Halbzeit, als Albi mit dem xten Schmutzfoul direkt ins Krankenhaus befördert und zum vorzeitigen Saisonende verabschiedet wird. Leonhard-Justus meinte dazu, der Gefoulte solle nicht so fluchen.

Das Spiel gegen den Tabellenführer der Reserveliga ging übrigens etwas unglücklich mit 1:3 verloren. Ja, die sind Tabellenführer. Spielten aber nicht so. Um genau zu sein haben die nichtmal einen Pass aus dem eigenen Drittel zusammengebracht. Und vorne hat jeder einzelne von denen so gespielt, als würde Kindergartenfreund Leopold-Romulus daneben ein TikTok-Video mit den krassesten Tricks von ihm aufnehmen. Kurz lustig wars, als Leonhard-Justus mittels Siebenfachhaken mit dem Ball ins Out gelaufen ist.

Aber das ist sowieso nebensächlich. M. war nach Ende des Spiels dann doch versucht, gen Publikum, unter der Führung des Carl-Wolfgang S., ein unprovokantes Gespräch unter Erwachsenen zu führen. Musste das immer so laufen? Finden die das echt lustig, als Männer teilweise gesetzteren Alters, sich derart zum Affen zu machen, um offenkundig unübersehbare Komplexe auszuleben, anstatt Mal untereinander so persönliche Defizite wie Anstand, Sportsgeist und Respekt vor dem Gegner aufzuarbeiten? Erwartungsgemäß waren Carl-Wolfgang und das Publikum sich einig, dass sie nix aufarbeiten wollen, sondern das alles definitiv lustig finden. Der Affenzirkus konnte weiter gehen und Carl-Wolfgang S., Jahrgang 1972, ließ sich, stolz auf sich selbst wie lange nicht mehr, noch lange nach Spielende beim Chinesen nebenan dafür feiern, wie er den herannahenden M., mittels angestimmter Welle, ur fest verorscht hat.

Warum?

Nun stellt sich natürlich noch die Frage, warum eigentlich in einem Spielbericht über ein Duell mit Endstation Hernals, drei lange Absätze über Celtic ihren Platz finden, ohne dass auch nur ein Wort über das KM-Match verloren wurde – und eigentlich jedes Wort über diese Pimmelberger aus Salmannsdorf eines zu viel ist. Dazu gibt’s mehrere Antworten. Eine davon: Der eigentliche Spielbericht hier ist viel zu nett.

Eine andere: Die Faszination von Arschlochtum im Endstadium. Dort wo Dummheit kein Pech mehr ist, sondern eine freie Entscheidung. Geneigte Leser wissen ja, wir haben da unsere Lieblingsteams. Aber während etwa die Meidlinger wirklich nicht anders können, weil sie halt waschechte Proleten sind oder die Meetups sich immerhin noch auf kulturelle Unterschiede ausreden können, fragt man sich im Falle von Salmannsdorf fast schon fasziniert: Wie kann man so sein wollen? Wie kann man in so einer Mannschaft gerne spielen? Hat dort eigentlich noch nie jemand intern angemerkt „hey Jungs, ich weiß wir sind voll die horten Bad Boys, aber mir taugts nicht wie arrogant, gehässig und unsympathisch, wir in den Matches auftreten. Ich mein unsere Gegner sind ja auch nur ganz normale Menschen, die muss man nicht alle runtermachen.“?

Schade, dass wir diese Fragen, wohl nie beantwortet bekommen. Aber bevor hier noch jemand denkt, diese Armleuchter wohnen im Kopf des Autors, schließen wir dieses Kapitel mit den Worten von Carl-Wolfgang ab: „I finds lustig, dass du dich aufregst.“ Du hast recht Carl-Wolfgang. Es regt auf. Weil kein Hobbykicker sich in seiner Freizeit grundlos anpöbeln, erniedrigen oder am Platz krankenhausreif prügeln lassen will. Denkbar, dass das auch ein Carl-Wolfgang S., mit 54 Jahren Lebenserfahrung, noch ins Resthirn eingespeist bekommt, sofern er es sich nicht auf irgendwelchen Gala-Dinner-Events weggekokst hat.

Der falsche Übeltäter

So, wo waren wir? Beim Kotzen. In der dritten Halbzeit erreicht M. der Notruf von daheim, dass sich nun auch die Freundin ihrer letzten drei Mahlzeiten durch die Vordertür entledigt hat. Sie hatte sich das Trockenwürschtl salomonisch mit dem Sohnemann geteilt. Rasch schnappt M. sich sein in ein Take-Away-Paket umfunktioniertes Chop Suey, lässt sein halbes Bier stehen (er hofft nachträglich sehr, dass keiner der Teamkollegen davon getrunken hat, obwohl gegenteilige Ankündigungen a la „sowas kommt immer weg, da brauchst dir keine Sorgen machen“ gefallen sind) und fährt nach Hause. Dort isst er sein Chop Suey genüsslich, obwohl M. von der üblen Vorahnung heimgesucht wird, dass er es möglicherweise auch nicht so lang in sich behalten könnte. Vielleicht war ja doch nicht das Trockenwürschtl der Übeltäter.

Haha, es ist schon ein Bisschen witzig, wenn man bedenkt, dass sich vielleicht der eine oder andere endstationelle Hernalser auf unsere Seite verirrt hat (und wir wissen, dass sie das tun), um etwas über das jüngste Duell zu lesen und sich bis jetzt nur sieben Absätze Salmannsdorfer Idiotengeschichte sowie einen über Chop Suey reingezogen hat. Aber dranbleiben lohnt sich. Wir kommen gleich dazu.

Jedenfalls hat dann in der folgenden Nacht auch der jüngere Knirps gekotzt. Und nun wissen wir: Es war nicht das Trockenwürschtl. Der Jüngere isst nämlich kein Trockenwürschtl. Er ist neun Monate alt und Trockenwürschtl gibt es nicht im Hipp-Glas. Wir haben es hier mit einem beinharten Virus zu tun.

M. fühlt sich nun wie eine tickende Zeitbombe. Erneut eine ohne Nachtschlaf, versteht sich. Der Last Man Standing unter den Speifreien innerhalb der Familie. Wann wird es ihn erwischen? Nun steht auch die Teilnahme am sonntäglichen Kampfmannschaftsspiel mehr als nur auf der Kippe. Auf das hat sich M. eigentlich schon ziemlich gefreut. Fast so sehr, wie der eine, immer noch ausharrende Endstation-Hernals-Leser, der bis hierher so viel über Pimmelberger aus Salmannsdorf, Chop Suey und eine im Kreis kotzende Familie lesen musste und nun endlich für seine Geduld belohnt wird.

Sehnsucht nach dem Exorzsimus

M., gestern noch YV-Aushilfstorwart, eigentlich ja Kampfmannschaftsspieler ist einer der wenigen, der lange genug dabei ist, um beim Gedanken an Endstation Hernals (im sportlichen Sinne) noch das Messer zwischen den Zähnen zu wetzen. M. wollte da natürlich dabei sein und beim überfälligen Exorzismus des verfluchten Postplatzes mithelfen. Das ganze Team lechzte nach dem ersten Auswärtssieg bei der Endstation überhaupt.

Für M., dessen Zustand sich gen Abend spürbar verschlechterte, sollte es beim Segen aus der Ferne bleiben. Die Familie ging vor und auch abgesehen davon war eine sportliche Teilnahme am Spiel, angesichts der horrenden Fitnesswerte und der Tatsache, dass sich ein Gang aufs Klo anfühlte wie ein 90-minütiger Shuttle-Run, nicht mehr zielführend. Für M. eine Tragödie, für das Team verkraftbar, Manuel sollte ihn würdig und fehlerlos vertreten.

Tja, was soll man sagen? Dieses Gastspiel bei der Endstation hatte einiges mit jenem Match der Young Vibes am Vortag gegen Celtic gemein. Nicht nur das Endergebnis.

Glaubt man der Hernalser Hofberichterstattung, dann gab es für die Heimischen allen Grund, motiviert, selbstbewusst und zuversichtlich in dieses Duell alter Rivalen zu gehen. Der passable Rückrundenstart war dem Vernehmen nach von zwei Spielen geprägt, die die Ratten klar dominiert haben.

Dominanz, aber kalte Dusche

Das ist im Match Endstation vs. Vibes nicht der Fall. Dafür bescheren sie uns gleich nach wenigen gespielten Sekunden eine kalte Dusche. Ein schöner Pass in die Tiefe, wir sichern nicht vernünftig durch und an der langen Ecke kommt der Hernalser nach präziser Flanke frei zum Abschluss (1.).

Der USK regiert nicht geschockt und kontrolliert das Spielgeschehen in der Folge. Die Gegner bleiben aber durch immer wieder eingestreute Konter gefährlich und setzte als Folge eines solchen einen Ball an die Stange. Auf Seiten der Vienna Vibes vergibt Martin die Riesenchance auf den Ausgleich, der dann kurz vor der Pause verdientermaßen fällt (39.). Lenny bringt einen Freistoß genau zur Mitte, Kyryl schraubt sich wuchtvoll hoch und setzt den Ball per Kopf ins Eck.

In der zweiten Halbzeit ein ähnliches Bild, wie in der ersten. Die Vienna Vibes kontrollieren den Ball, lassen die meisten Pressingversuche der Endstation ins Leere laufen und kommen oftmals elegant ins letzte Spielfelddrittel. Dort lassen Entschlossenheit und Entscheidungsfindung jedoch zuweilen Wünsche offen, wodurch wir weit weniger Chancen herausspielen, als es möglich gewesen wäre. Natürlich macht es uns auch der motivierte Gegner, so wie wir ihn kennen und erwartet haben, alles andere als leicht. Dennoch vergeben unsere Rot-Weißen den einen oder anderen Hochkaräter, etwa durch Philipp, Lenny sowie den eingewechselten Oskar, um das Spiel in für uns positive Bahnen zu lenken.

Die Gastgeber hingegen schaffen es, aus geringen Spielanteilen sehr viel rauszuholen und klopfen immer mal wieder gefährlich an, gerade dann, wenn man das Gefühl hat, dass da jetzt eigentlich nix mehr kommt.

Möglicherweise ist dieses Gefühl in der absoluten Schlussphase in unseren Reihen etwas zu stark ausgeprägt und so kommt, was keiner mehr so wirklich am Schirm hatte: Anstelle eines logischen Remis, dem diese spannende und einmal mehr enge Partie entgegenplätschert, spielen sich die Hernalser noch einmal vor unser Tor und nützen ihre rare Gelegenheit zum 1:2 (84.).

Zwar werfen die Unsrigen in der Folge alles nach vorne, jedoch führt das lediglich dazu, dass wir uns in der letzten Aktion nochmal einen Konter einfangen, der zum 1:3 abgeschlossen wird (93.).

Was sagt der USK-Psychiater?

Nach der guten Vorbereitung und dem starken Rückrundenauftakt, ist diese Ergebnis selbstredend eine derbe Watschn. Die Hernalser Feierlichkeiten nach Schlusspfiff am Platz, als hätten sie soeben die Meisterschaft gewonnen, sind ihr gutes Recht und nehmen wir als Kompliment weil wir ein tougher Gegner waren.

M. erfährt das alles kurz und knapp zu Hause auf seinem Sofa sitzend, immer noch auf die große Chop Suey-Explosion wartend. So wie, dass Rapid gewonnen hat und jetzt endlich wieder von der Mission 33 faseln darf. Das ist zwar völlig irrelevant, gehört aber zu M.s Scheiß-Wochenende dazu. Er ist nämlich glühender Austrianer.

DSG ist normal eh viel cooler als Bundesliga. Nicht aber gerade eben. Zwei Spiele an einem Wochenende gegen schwere Gegner, in denen wir viel von dem umgesetzt haben, was wir uns vorgenommen hatten und die man durchaus überlegen gestalten konnte, am Ende zu verlieren – das will verarbeitet werden.

Der USK-Psychiater rät abermals: auskotzen heilt. Das haben wir bereits erledigt.

Und tatsächlich: es hilft. Denn ist der Zorn erstmal verflogen, dann fällt das Licht auf die nennenswerten Dinge, die wir aus diesen verlorenen Partien mitnehmen können. Die Young Vibes haben selbstherrliche Tabellenführer spielerisch teilweise vorgeführt und auch die Kampfmannschaft war gegen Endstation Hernals am Postsportplatz über 90 Minuten noch nie so dominant. Allein das zeigt, dass wir auf einem sehr guten Weg sind, von dem beide Mannschaften – wenn sie ihn konsequent weitergehen – in den kommenden Spielen nach der viel zu langen Osterpause profitieren können. Da sollten wir uns auch von keinen Ergebnis-Rückschlägen entmutigen lassen.

Und dann war dieses Scheiß-Wochenende im fernen Rückspiegel vielleicht halb so wild. Der fürs Match Ausgefallene ist wieder auf den Beinen, Frau und Kindern geht’s mittlerweile ebenso wieder gut. Und gekotzt hat M. letztlich auch nicht. Nur ein paar gedankenhygienische Buchstaben in die Tastatur.

MG