Große Teile des USK sind ja dem Alkohol nicht gänzlich abgeneigt. Wenn die guten Vibes nicht von selbst aufkommen wollen, hilft man eben gern ein Bisschen nach. Das belegt die stets starke Performance in der der dritten Halbzeit, in der die Vienna Vibes, wie wir ja wissen, bereits jetzt als bis dato ungeschlagener Meister ohne Punkteverlust feststehen.

Auch gegen diese zusammengewürfelte Anti-Mannschaft von Meetup stand schon im Vorfeld außer Zweifel, dass dieses Match nach dem Match wieder nur einen klaren Sieger kennen wird.

Ich mein, die haben noch nie eine Kantine von innen gesehen, diese krummbuckligen Hustensaftschmuggler. Kommen her, Bisschen Balli spielen, noch mehr Bisschen Knöchel zertreten und ganz besonders viel Bisschen Rumgeplärre – besonders beliebt gegen am Boden liegende kurz zuvor zusammengetretene Gegenspieler, aber auch untereinander. Aber nach Abpfiff geht’s schnurstracks ab in die Heia. Solche Lurche.

Zum letzten Mal für unsere Farben

Damit ist dem Autor der literarische Kunstgriff gelingen, in wenigen Sätzen sehr viel über das Match dieser zweiten Rückrunde zu erzählen. Aber nicht das Wesentliche. Dafür müssen wir erzählerisch zunächst in der dritten Halbzeit verweilen. Denn dass wir an diesem Sonntagabend besonders euphorisch unsere Rotweißweingläser schwenkten, hatte einen eigentlich traurigen Grund: Justin, bei den Gegnern verhasst, für uns nunmehr eine luxemburgische Legende, sollte in diesem Match zum letzten Mal für unsere Farben auflaufen. Seine Zeit in Österreich ist vorüber, gen Niederlande verlässt unsere Flügel-Urgewalt seine große Liebe der anderen etwas kleineren Liebe wegen.

Selbstredend stehen wir Teamkollegen heute in der Pflicht, für unseren Kompagnon noch einmal alles rauszuhauen, um ihm den süßlichst möglichen Abgang zu bescheren. Aber auch die Meetups haben augenscheinlich was vor. Neben eingangs erwähnten „Tugenden“, wirken die Gäste heute extra-motiviert, um deren traurige Bilanz gegen die Vibes endlich aufzubessern und sich für die eine oder andere Demütigung aus der Vergangenheit zu revanchieren.

So gelingt es uns in der ersten Hälfte die meiste Zeit nicht, angesichts des gegnerischen Überall-Pressings, unser strukturiertes Offensivspiel aufzuziehen. Als dann kurz vor der Pause, gerade in einer Phase, in der das Spiel zugunsten der Vibes zu kippen scheint, das 0:1 fällt, sind die Nerven kurzzeitig angespannt.

Vibes mit dem längeren Atem

Wir beruhigen uns wieder und setzen den spielerischen Aufwärtstrend nach Seitenwechsel fort. Der Gegner, der seine laufaufwändige Spielweise nicht mehr aufrechterhalten kann, wird immer stärker hinten reingedrückt. Schließlich zieht Philipp in der 57. Minute einmal ansatzlos ab und überrascht den gegnerischen Torhüter. 1:1.

Nun ist das Momentum endgültig auf unsere Seite gezogen, spätestens aber als Justin sich unaufhaltsam in den Strafraum tankt und dort in mehreren Versuchen zu Fall gebracht wird. Den Elfmeter will er aber nicht selbst schießen. Was wir nämlich noch nicht wissen: Seinen persönlichen Magic-Moment hat sich unser Zwölfer für etwas später aufgehoben.

Zunächst stellt Bobo mehr oder weniger souverän vom Punkt auf 2:1 (62.). Für ihn kommt in der Folge Martin ins Spiel, der gleich mit seinem ersten Kontakt sehenswert Philipp auf die Reise schickt. Dieser umkurvt den, laut eigener Aussage, „komisch aus dem Tor kommenden“ Goalie ganz unkomisch und sorgt für eine kleine Vorentscheidung (64.).

Meetup hat dem spät entdeckten Angriffsfurioso nicht mehr viel entgegenzusetzen. Nichtmal viel Gemecker. Der Trainersohn von diesen Schwindlichen hat uns nach dem letzten Duell vorgeworfen, wir hätten eine Halbzeit lang nurmehr auf Zeit gespielt. Bittesehr. Ihm zu Liebe spielen wir nun Vollgas weiter und fahren richtig drüber.

Magische 74. Minute

Die Geschichte des Abends schreibt die 74. Minute. Sie beginnt mit einem jungen Luxemburger, der im Jahr 2020 zum USK stößt und in seiner ersten Reservepartie gleich mal mit gelb-rot vom Platz fliegt. Während sich die Mannschaft fragt, wen wir uns denn da wieder eingetreten haben, beteuert der Neuankömmling in charmantestem Luxemburger Deutsch „Sorry, ich war einfach so motiviert.“

Es sollte dauern, bis der junge Mann seinen Platz in der Mannschaft finden würde. War er zunächst vor allem durch schnelle gelb-rot-Ausschlüsse nach Einwechslung gefürchtet, so reifte er mit der Zeit und nach einem längeren Auslandsaufenthalt im gemütsabkühlenden Norwegen zu einem Spieler heran, der zwar noch immer für unnötige Fouls und Verwarnungen bekannt war, aber nun auch fußballerisch der Mannschaft immer mehr seinen Stempel aufdrückte.

Am Trainingslager und diversen dritten Halbzeiten in den jüngeren Spielzeiten wuchs schließlich auch der Mensch Justin in die Mannschaft hinein und erntete analog dazu mehr und mehr Verständnis für seine am Platz manchmal ausufernde Gewalt. Bei allen außer den Gegenspielern selbstverständlich.

Nach einer für ihn persönlich schwierigen Meisterschaft 24/25, in der man für den muskulär angeschlagenen Flügelhenker stets einen persönlichen Wechselspieler parat haben musste, ging Justin in die Saison 25/26 schließlich als die beste Version seiner selbst: fitter den je, clever am Platz, nun auch torgefährlich und nicht zuletzt als charakterlich nicht wegzudenkender Fixstern am Vibes-Firmament. Aus dem jugendlich-übermütigen notorischen Gelb-Rot-Sünder ist ein reflektierter Führungsspieler geworden.

Und in der 74. Minute des vergangenen Sonntags, vernascht dieser Führungsspieler zwei bis drei Meetups in seiner unnachahmlichen Mischung aus technischer Brillanz und energischem Wegboxen der Gegner, ehe er den Ball noch irgendwie unterm Goalie zum 4:1 durchgurkt.

Von Tormann Hans bis hin zur Ersatzbank stürmen alle Spieler geschlossen auf Justin zu, herzen ihn, schreien ihn an. Ja, fast schon kitschig, dieses Drehbuch von einem Spiel. Aber nicht nur der Alkohol geht bei uns runter wie Öl, auch diese Szene.

Danach darf die Nummer zwölf (ja, wir werden diese Nummer selbstverständlich wieder vergeben, Trikots kosten Geld und wir haben kein Geld) den Platz verlassen – und seine schillernde USK-Karriere feierlich beenden.

Martin mit beachtlicher Quote

Angesichts dieser Justin-Huldigungs-Story sollte man nicht vergessen, dass danach noch eine Viertelstunde Fußball gespielt wurde. In dieser hat der eingewechselte Martin noch auf 5:1 (80.) erhöht und damit seine sagenhafte Score-Quote weiter ausgebaut.

Er wird es aber verzeihen und, so wie wir ihn kennen, gut verkraften, dass das Rampenlicht an diesem Abend jemand anderes gehört. In einer prall gefüllten Kantine wird nach Schlusspfiff nicht nur auf den am Ende klaren und souveränen Sieg angestoßen, sondern eben auch auf unseren verlorenen Sohn in spe.

Mach‘s gut Justin! Du hast einen tollen Weg bei uns hingelegt. Danke für alles, was du für den USK geleistet hast. Dein sportlicher Abgang muss und wird natürlich in irgendeiner Form kompensiert werden. Wahrscheinlich machen wir auch in der Fair-Play-Wertung einen Sprung nach vorn. Aber die Lücke, die du in unserer USK-Familie hinterlässt – die wird bleiben. Prost!

MG